Anweiden von Pferden: So gelingt die Umstellung schonend

Endlich Frühling – Zeit für die Weide!

Die Tage werden länger, das Gras beginnt zu wachsen, und unsere Pferde dürfen endlich wieder auf die Koppeln. Doch Vorsicht: Der Wechsel von Stall- auf Weidehaltung sollte behutsam erfolgen, da sich der Verdauungstrakt des Pferdes erst an das nährstoffreiche, frische Gras gewöhnen muss. Eine zu schnelle Umstellung kann schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben, darunter Koliken, Durchfall, Kotwasser und sogar Hufrehe. Um das Risiko zu minimieren, ist ein gezieltes und durchdachtes Anweide-Management essenziell.

Warum ist eine langsame Umstellung so wichtig?

Pferde besitzen ein hochspezialisiertes Verdauungssystem, das sich an die jeweilige Futterzusammensetzung anpasst. Ihre Darmflora setzt sich aus verschiedenen Mikroorganismen zusammen, die dabei helfen, pflanzliche Nahrung zu verdauen. Während im Winter oder bei reiner Stallhaltung vor allem Raufutter in Form von Heu als Hauptfutterquelle dient – das überwiegend aus Cellulose besteht –, ist frisches Frühlingsgras eine völlig andere Nahrungsquelle. Es enthält deutlich mehr Zucker, Eiweiß und Fruktan.

Diese plötzliche Umstellung kann das Gleichgewicht der Darmflora erheblich stören. Die für die Heuverdauung spezialisierten Bakterien sterben massenhaft ab, während sich die Mikroorganismen, die Zucker und Fruktan verwerten, explosionsartig vermehren. Durch diesen schnellen Wechsel werden Giftstoffe und große Mengen an Milchsäure freigesetzt, was den Darm belastet. Dies kann zu einer Übersäuerung des Dickdarms (Darmazidose) führen, wodurch die Darmwand durchlässig wird („Leaky-Gut-Syndrom“). Hierdurch gelangen Endotoxine (giftige Stoffwechselprodukte) ins Blut, was schwerwiegende Folgen haben kann:

  • Kotwasser und Durchfall: Der Darm kann Wasser und Nährstoffe nicht mehr richtig resorbieren.
  • Koliken: Die veränderte Darmflora kann zu Gasansammlungen, Krämpfen und starken Schmerzen führen.
  • Hufrehe: Toxine im Blut führen zu Durchblutungsstörungen in der Huflederhaut, was die gefürchtete Hufrehe auslösen kann.
  • Nierenschäden: Große Giftstoffmengen können die empfindlichen Filtermechanismen der Nieren belasten.

Um diese Risiken zu minimieren, ist ein behutsames und kontrolliertes Anweiden unerlässlich.

Tipps für ein sicheres Anweiden

Der Schlüssel zu einer gesunden Weideumstellung liegt in einer schrittweisen Anpassung. Mit diesen Maßnahmen gelingt das Anweiden sicher und stressfrei:

1. Vor dem Weidegang ausreichend Heu füttern

Pferde sollten niemals hungrig auf die Weide gelassen werden. Eine vorherige Heuration sorgt dafür, dass sie nicht in kurzer Zeit zu große Mengen Gras aufnehmen. Zudem wird der Verdauungstrakt vorbereitet und die Produktion von Verdauungssäften angeregt.

2. Die richtige Tageszeit wählen

Der Fruktangehalt im Gras schwankt je nach Tageszeit und Witterung. Morgens ist er besonders hoch, da Pflanzen über Nacht Fruktan speichern. Am sichersten ist das Anweiden daher am Nachmittag oder frühen Abend, wenn der Fruktanwert am niedrigsten ist.

3. Die Weidezeit schrittweise steigern

Ein langsames Vorgehen schützt den Darm und gibt der Darmflora Zeit zur Anpassung. Beispiel-Plan:

  • Tag 1-2: 5 Minuten grasen lassen.
  • Alle zwei Tage um weitere 5 Minuten steigern.
  • Nach 14 Tagen beträgt die Weidezeit 30 Minuten.
  • Danach kann die Weidezeit täglich um 15 Minuten gesteigert werden.
  • Ab einer Weidezeit von 4 Stunden kann eine zweite Einheit am Vormittag eingeführt werden, beginnend mit 15 Minuten.
  • Sobald eine tägliche Weidezeit von 8 Stunden erreicht ist, kann das Pferd rund um die Uhr auf die Weide.
4. Wetterbedingungen beachten

Der Fruktangehalt im Gras ist nicht nur tageszeitabhängig, sondern auch wetterabhängig. Kühle Temperaturen, Frost, plötzlicher Wetterumschwung oder Stress (z. B. Trockenheit) führen zu einer erhöhten Fruktanspeicherung. An solchen Tagen ist Vorsicht geboten, insbesondere bei Pferden mit Stoffwechselproblemen oder Hufrehe-Vorgeschichte.

5. Krankheitssymptome ernst nehmen

Beobachte dein Pferd während der Anweidephase genau. Anzeichen wie Kotwasser, Durchfall, Blähungen oder Unruhe können darauf hindeuten, dass die Verdauung überfordert ist. In diesem Fall sollte die Weidezeit reduziert und langsamer gesteigert werden. Bei stärkeren Symptomen wie Unruhe, Lahmheit, Kolikanzeichen ist ein Tiertherapeut oder Tierarzt hinzuzuziehen.

Zusätzliche Unterstützung für den Darm

Während der Anweidezeit kann die Verdauung deines Pferdes gezielt unterstützt werden. Verschiedene natürliche Ergänzungen helfen, die Darmflora zu stabilisieren und den Stoffwechsel zu entlasten:

  • Kräuter: Verdauungsfördernde Kräuter wie Kamille, Fenchel oder Anis beruhigen den Magen-Darm-Trakt und helfen bei der Anpassung an das frische Gras. 
  • Probiotika und Präbiotika: Diese unterstützen das Wachstum nützlicher Darmbakterien und fördern eine gesunde Darmflora.
  • Stoffwechselkuren: Spezielle Kuren mit Bitterstoffen oder Leber- und Nierenkräutern können den Entgiftungsprozess unterstützen und das Risiko von Stoffwechselproblemen reduzieren. 
  • Leinöl oder Leinsamen: Diese unterstützen die Darmschleimhaut und wirken entzündungshemmend. 
  • Mineralstoffausgleich: Ein angepasster Mineralstoffhaushalt hilft, die Umstellung besser zu bewältigen und Mangelerscheinungen vorzubeugen.

Ein erfahrener Tiertherapeut kann dich hierzu individuell beraten und gemeinsam mit dir einen maßgeschneiderten Therapieplan für dein Pferd erstellen. Gerade bei Pferden mit Vorerkrankungen oder Stoffwechselproblemen ist eine professionelle Begleitung ratsam.

Fazit: Geduld zahlt sich aus!

Ein gut durchdachtes Anweidemanagement ist essenziell, um gesundheitliche Risiken zu vermeiden. Wer sich die nötige Zeit nimmt und auf die individuellen Bedürfnisse seines Pferdes achtet, sorgt für eine sichere und gesunde Umstellung. So steht einer unbeschwerten Weidesaison nichts im Wege!